Psychogruppen

Unter „Psychobewegungen“ werden in der Religions- und Sozialwissenschaft Gruppen und Trainingsformen zusammengefasst, die Methoden der Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Bewusstseinsveränderung außerhalb der akademisch-psychotherapeutischen Fachpraxis anbieten. Diese werden häufig dem sogenannten Human Potential Movement zugeordnet, das sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Umfeld der Humanistischen Psychologie entwickelt hat.[1]

Aus christlicher Sicht werden solche Bewegungen kritisch betrachtet, wenn sie den Anspruch vertreten, dass der Mensch sein Heil, seine Vollendung oder seine letzte Erfüllung durch eigene Techniken, Trainings oder Bewusstseinsprozesse erreichen könne.

  • Gnade statt Selbsterlösung: Der christliche Glaube lehrt hingegen, dass der Mensch sein Heil nicht aus eigener Leistung hervorbringt, sondern es als unverdiente Gnade Gottes empfängt.[2] Eine Auffassung, nach der der Mensch sich selbst erlösen könne, steht damit im Widerspruch zum christlichen Verständnis von Erlösung.
  • Personale Beziehung statt Selbstzentrierung: Zudem betont die Kirche die personale Beziehung zwischen Gott und Mensch als Grundlage des menschlichen Lebensvollzugs und nicht eine rein technik- oder selbstbezogene Optimierung des Menschen.[3]
  • Schutz vor Abhängigkeiten: Darüber hinaus warnt die kirchliche Lehre vor geistigen oder weltanschaulichen Praktiken, die den Menschen in psychische oder ideologische Abhängigkeiten führen oder das Vertrauen auf Gott durch Ersatzsysteme ersetzen können.[4]

Zu den historisch bedeutsamen Strömungen zählen:

Erhard Seminar Training (EST) / Landmark Education
Das von Werner Erhard entwickelte EST-Training gehört zu den Large Group Awareness Trainings (LGAT). Diese Form der Selbsterfahrungsseminare kombiniert verschiedene philosophische, psychologische und weltanschauliche Einflüsse, darunter Elemente aus der Humanistischen Psychologie sowie Einflüsse fernöstlicher Religions- und Denktraditionen. [5]
Exegesis
Exegesis wird in der Fachliteratur als eine Form intensiver Gruppen-Selbsterfahrung beschrieben, die durch stark strukturierte Gruppensettings und emotionale Interaktionsprozesse auf die Veränderung von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern abzielt.[6]
Scientology
Scientology ist eine von L. Ron Hubbard gegründete Bewegung, die sich selbst als Religion versteht. Sie basiert auf der sogenannten „Dianetik“ und verbindet Trainings- und Selbstanalyseverfahren mit religiösen Deutungsrahmen. In der religionswissenschaftlichen Literatur wird Scientology als neue religiöse Bewegung mit organisatorischen und trainingsartigen Strukturen beschrieben. [7]

[1] Hock, Klaus: Einführung in die Religionswissenschaft, 5. Aufl., Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014; vgl. auch Hanegraaff, Wouter J.: New Age Religion and Western Culture, SUNY Press, Albany 1996.

[2] Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), Pattloch Verlag, München 2005, §1996–2001.

[3] Ebd., §1700–1703.

[4] YOUCAT. Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, Pattloch Verlag, München 2011, Nr. 355–356.

[5] Gasper, Hans / Müller, Joachim / Valentin, Friederike (Hrsg.): Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Herder, Freiburg 2001

[6] Clarke, Peter B.: Encyclopedia of New Religious Movements, Routledge, London/New York 2006

[7] Vgl. Fuchs, Martin: Religion und Moderne: Scientology im religionswissenschaftlichen Vergleich, in: Figl, Johann (Hrsg.): Handbuch Religionswissenschaft: Religionen und ihre zentralen Themen, UTB, Göttingen 2003